Wie ein kleiner Rohrspatz  … locker bleiben, Herr Riedl, alles wird gut, Sie müssen jetzt nicht so auffe Kacke hauen. Schliesslich hat doch schon die Klage von Facebook gezeigt, dass tatsächlich der Klon am Ende immer gewinnt – vielleicht auch, weil die US-Anwälte anscheinend zu dämlich waren, sorgfältig eindeutige Hinweise vorzulegen. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass StudiVZ-Lücken (oder die Reaktion Ihres Unternehmens auf selbige?) in Zukunft unmittelbar oder mittelbar zu Selbstmorden führen. Die wildesten Zeiten sind doch eh’ längst vorbei, also nochmal: locker bleiben.

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Wirklich, echt, ich kann es nicht mehr hören: dieses Gestöhne und Gejammer der Verlage. Wie lange geht das jetzt schon, drei, vier Jahre? Gefühlte zehn. Erst waren es die Blogger, die angeblich für die finanzielle Misere verantwortlich seien. Wenn es denn überhaupt eine finanzielle Misere gibt, so eine kreative Buchführung kann ja vieles. Nun, jetzt soll es Google sein, die böse Datenkrake, die schamlos die angeblich so teuer produzierten Inhalte der Verlage monetarisiert und Milliarden scheffelt, während in den Verlagen Mitarbeiter entlassen werden müssen. Schluchz, ja: müssen! Im Leben nicht, so ein Beschiss.

Alles erstunken und erlogen. Ich arbeite selbst seit mittlerweile 10 Jahren als Online-Redakteur – und nein, ich werde nicht entlassen, ich kenn’ die Regeln. Jeder in dieser Branche kennt nach einem Kantinen-Gespräch mit einem Kollegen aus der Marketing-Abteilung die Anzeigen-Preise, bei gleichzeitig moderaten Gehältern und unglaublich niedrigen Kosten für Pflege und Erstellung der Verlags-Homepages. Das sind, liebe Leute, riesige Gewinnspannen, der Traum (oder Albtraum) jeder Printausgabe. 90% der ehemals journalistischen Recherche-Arbeit besteht heute im Verwursten vorsortierter DPA- oder Pressemeldungen. Dazu ein paar RSS-Feeds diverser Konkurrenten und möglichst schnelles Ab … äh … Umschreiben der Meldungen anderer und schon ist der neue Artikel fertig. Den Rest erledigt das Conten-Management-System, gemessen wird der eigene Erfolg an der Position des eigenen Artikels auf der Startseite [Update aus gegebenem Anlass: das nennt man dann andernorts auch die Rangreihenfolge der Nachrichten].

Heute etwas ideenlos oder einfach nur schreibfaul? Kein Problem: mittlerweile besitzt fast jedes größere Verlagshaus mehrere Publikationen, also nehm’ ich mir einfach einen Artikel von gestern oder vorgestern aus der Schwesternpublikation. Neue Überschrift, neue Description für die Suchmaschine, gleicher Text, fertig. Schöner Nebeneffekt: so platzier ich die News auch gleich doppelt und dreifach – naaa? – richtig, in den “Google News”, die mir automatisch für das jeweilige Thema die Leser liefern. Zig-Tausendfach. Persönliche Verantwortlichkeit, mein Name über dem Artikel, Themen-Ressorts? Scheiss drauf, ehrlich, nicht für das Gehalt. Am Rande: die Suche auf unserer Website ist grottenschlecht. Die IT sollte überdenken, ob man da nicht dieses Google Gadget einbaut, als externe Lösung.

Bilder fehlen? Flickr. Gut, ganz ehrlich, meistens die Google Bildersuche. Oder Blogs, die leisten da hervorragende Vorarbeit. Rechtlich abgesichert natürlich, ich schreib’ ja drunter wer die Quelle ist. Meistens. Wichtig: ohne Link. Auf keinen Fall auf andere verlinken, erst recht nicht auf die Konkurrenz oder Blogs. Links sind böse, das hat uns dieser 20-jährige Suchmaschinenoptimierer beigebracht, der vor zwei Jahren eingestellt wurde. Die einzigen guten Links sind Links zu Anzeigenkunden – die setzt das CMS automatisch – oder die Links, mit denen mein eigentlich recht kurzer Artikel auf mindestens fünf Seiten verteilt wird. Das steigert die “Pageviews” und so kann mein Verlag höhere Preise für die Anzeigen verlangen. Sagt der Kollege aus der Marketing-Abteilung. Ach ja, und Bilderstrecken, unter jedem Artikel mindestens eine Bilderstrecke. Die Polkappen schmelzen? Das schreit doch nach der alten Bildserie von Knut. Für die wir den Fotografen Volontär einmal bezahlt haben, zur ewig wiederkehrenden Verwendung.

So, ich muss jetzt aufhören. Ich wollte noch die 114 Kommentare unter meinem letzten Artikel lesen, die sich da seit drei Tagen in der Zeit von 08.00 Uhr bis 20 Uhr und zensiert von zwei Praktikanten angesammelt haben. Lesen, nicht beantworten. Aus rechtlichen Gründen, sagt der Verlag. Hat auch was mit persönlicher Verantwortlichkeit zu tun. Und damit, dass ich fürs Artikel schreiben bezahlt werde, nicht fürs drüber diskutieren. Letztendlich geht es bei den Kommentaren wohl auch nur um Pageviews. Ach, ist mir auch egal.


Ich blogge

04Mar10

Schon länger, anders. Aber jetzt auch anders, hier.